• S. Marzian

Der Plan zur Erhaltung eines Wahrzeichens


Die graue Suppe heute morgen am Himmel ist nicht gerade einladend, ein Spaziergang ist aber trotzdem drin. Im Ortskern, der etwa zehn Gehminuten von uns entfernt ist, kommt man unweigerlich an einem wirklichen Augenschmaus vorbei: der gotischen Hallenkirche St. Nicolai. Sie ist schon unglaubliche 611 Jahre alt. Ganz besonders liebe ich ja die kleinen Türmchen auf dem Dach und die nach oben spitz zulaufenden Fenster mit ihren hübschen Kleeblatt-Mustern, die so typisch für die Spät-Gotik sind.


Auch wenn man nicht sehr religiös ist, hat das imposante Gebäude eine gewisse Anziehungskraft, die uns am heutigen Morgen zieht. Und zwar seit langem mal wieder IN die Kirche hinein.

Ich weiß nicht, ob es Euch auch so geht, aber wenn ich durch das schwere Holzportal hindurch husche, habe ich immer das Gefühl, eine völlig andere Dimension zu betreten. Draußen: Vogelgezwitscher, Windrauschen, Fahrradklingel-Gebimmel, Autoreifengeknirsche auf den alten Pflastersteinen. Drinnen: Stille. Wenn sich jemand erdreistet zu flüstern, drehen sich prompt alle Köpfe nach dem Störenfried um. Heute befindet sich aber bereits eine kleine Gruppe Touristen in den Fängen einer Stadtführerin und ein stetes Gemurmel erfüllt den hohen Raum.

Wir schlendern an der gegenüberliegenden Seite des Mittelschiffs durch den Bogengang an den leeren Holzbänken vorbei. Weit weg von der Gruppe, die den Hochaltar mit seinen 208 Eichenfiguren bestaunt. Natürlich tragen (die meisten) Masken und halten untereinander ausreichenden Abstand. Nun, wir halten jedenfalls noch mehr Abstand. Schließlich sind wir Einheimische. Also tun wir so, als wüssten wir schon alles. Wir genießen einfach die besondere Atmosphäre. Dazu tragen die hohen bunten Fenster einen großen Teil bei, die - das kann ich ja mal schlaumeiern - vom Wiesbadener Künstler Karl-Martin Hartmann handgefertigt wurden. Sie sind tatsächlich ein grandioser Hingucker. Vor allem, wenn Sonnenlicht hindurch fällt und den Raum in mystischem Farbenspiel erfüllt. Hachz.


Als der Bogengang in einer offenen Fläche mündet, auf der immer zur Weihnachtszeit die orientalisch angehauchte Krippe steht, taucht plötzlich ein Gesicht hinter einer Säule auf. Gefolgt von einem elegant gekleideten, schmalen, etwas zu kurz geratenen Körper, den eine lange Strickjacke umhüllt wie ein Superheldenumhang.

„Wollen Sie etwas über die Fenster wissen?”

Das war gruselig. Hat sie uns aufgelauert? Kann sie Gedanken lesen? Hat sie wie ein Panter zum Sprung bereit hinter der Säule ausgeharrt, bis potentielle Opfer die Kirche betreten würden? Also wir?

Meine Begleitung und ich sehen uns überrascht an. Weder haben wir bisher einen Pieps von uns gegeben, noch nach einer Informationsquelle gesucht, die uns Auskunft über St. Nicolais Besonderheiten gibt. Denn - wie schon erwähnt - wir sind ja Einheimische und wissen schon alles. Aber wenn sie schon mal da ist. Wir nicken. Und sie beginnt ihren gut einstudierten Text aufzusagen, beantwortet aber auch die ein oder andere Frage, die uns überraschenderweise kommt und schafft es doch glatt, uns mit neuen Erkenntnissen zu verblüffen. Ich will Euch hier nicht unnötig langweilen, aber dass ein diplomierter Wissenschaftler der Mikrobiologie umschwenkt, Kunst studiert und Kirchenfenster kreiert, in denen sich Elemente wie Atome oder Sternkonstellationen wiederfinden, ist doch recht beeindruckend und erwähnenswert. Wer Interesse hat, kann sich sein Werk hier anschauen: Fenster in St. Nicolai.


Wenn man von den stetig steigenden Kirchenaustritten - im vergangenen Jahr waren es über eine halbe Millionen - liest, macht man sich unweigerlich Gedanken, was aus einem so hübschen Wahrzeichen wie diesem werden soll. Meine Begleitung und ich entwerfen kurzerhand einen Plan. Wir beschließen, dass St. Nicolai nach seiner Entweihung ein Kunstmuseum wird. Ein begehbarer gläserner Kubus, in dem die Kunstwerke scheinbar mit den Ebenen im Raum schweben, wird in der Mitte des Mittelschiffs errichtet. Das konträre Gleichgewicht bilden die hübsch geschnitzten Altäre, Bänke und die Orgel rundum. Da bis zu diesem Szenario mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit noch sehr viel Wasser den Rhein herunter fließen wird, genießen wir erstmal noch das bunte Hier und Jetzt. Und die Stille - wenn gerade keine Touristen in der Nähe sind.


Ich hätte Euch noch so viel zu erzählen,

aber morgen ist ja auch noch ein Tag.

Habt noch eine schöne Woche, bleibt gesund!

Eure Stephy

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Warum ich das mit dem Schreiben mache? Weil diese Wörter aus mir raus purzeln und es doch irgendjemanden geben muss, der sie auffängt, bevor sie auf den harten Boden der Realität knallen.

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Möchte zum Schluss noch kurz auf die Kommentarfunktion hinweisen, die gerne benutzt werden kann, meinerseits aber noch nicht optmiert wurde, sodass zur Zeit noch eine Anmeldung von Nöten wäre. Ist eben noch alles Neuland hier. Mein Künstlerherz würde es aber freuen. Außerdem kann, wer sich gemüßigt fühlt, meinen Künstler-Topf mit einem kleinen Obolus füllen. Gutscheine verkaufe ich allerdings nicht. Er wird regelmäßig geleert. Gerne schreibe ich Euch, zu welchem kreativen Zweck sein Inhalt genutzt wurde.

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Fotoquelle: http://www.derix.com/


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