• S. Marzian

Gedanken in der Schlange

Aktualisiert: Juni 18



Schlangestehen - wo kommt diese Redewendung eigentlich her? Man hat ja nun genug Zeit, um sich beim „in der Schlange stehen” um genau so etwas Gedanken zu machen.

So wie ich gestern vor der Post.


Wie die Perlen auf einer Schnur stehen wir also vom Eingang der Filiale den Gehsteig entlang. Alle sehr gesittet und bestrebt, Werte wie Höflichkeit, Gerechtigkeit, Respekt und Rücksichtnahme einzuhalten.

Hat man fünf Personen vor sich, ist die Schlange inklusive des einzuhaltenden Mindestabstandes von 2m (zuzüglich eines durchschnittlichen Kundenvolumens von etwa 40cm) sage und schreibe 12m lang. Nach mir reiht sich noch eine Mutter mit Zwillingsbuggy und eine junge Frau im Homeoffice (Jogginghose, schlurfender Gang und Haarsträhnen im Gesicht) ein, sodass die Schlange auf grandiose 17,2m heranwächst. Falls jemand den Vergleich anstellen möchte, erreicht die längste Schlange der Welt (der Netzpython) eine Länge von etwa 9m. Also sind fast zwei Pythons hintereinander drin.


Ich weiß nicht, ob es Euch auch schon aufgefallen ist. Wenn man in Eile ist, möchte man, so viel Raum wie möglich zwischen einem selbst und dem Vordermann überwinden, um so den Eindruck zu haben, dass es schneller voran geht. Durch den Mindestabstand gerät man aber unter noch mehr seelischen Druck und ist um so gestresster. Denn man darf nicht direkt aufschließen und sieht womöglich das Ziel nur aus weiter Ferne. Wenn dann wie in meinem Fall nur eine Mitarbeiterin vorhanden ist, die einer Schildkröte gleich mit stoischer Genügsamkeit einen Handgriff nach dem anderen macht, dreht man durch, stampft wie Rumpelstielzchen auf dem Boden herum, wütet, keift und motzt. Zumindest in Gedanken. Üben wir uns einfach in Geduld.

Was bleibt uns übrig.

Der Wind pfeift heute wirklich fies und drängt Eiswürfel kalt durch jede Ritze meines Mantels. Also hocke ich mich an die Hauswand und schließe nur kurz die Augen. Die Frau mit dem Buggy redet auf Niederländisch auf eins ihrer Kinder ein. Im nächsten Augenblick fliegt kreischend eine Möwe über uns hinweg. Ich seufze und gebe mich nur allzu gern der Illusion hin, jetzt in diesem Moment am Meer zu sein. Die Zehen im Sand. Der Wind streift kalt und rau über Deine Wangen. Nur statt Schal, ziehe ich meine Stoffmaske höher.

Es geht weiter.

Aus der Urlaubstraum.

Aber irgendwie fühle ich mich leichter.

Wirklich weniger gestresst.

Ich mache mir noch ein bisschen darüber Gedanken, wie die Leute um mich herum wohl ohne die Masken aussehen. Sind Männer rasiert und Frauen geschminkt? Das könnte man sich ja nun zumindest halbgesichtig sparen.


Nach zwanzig Minuten war ich zwar Fischstäbchen gleich durchgefroren, aber endlich an der Reihe. Es wird sicher nicht die letzte Schlange sein, in der ich in der nächsten Zukunft gestanden haben werde. (Kann mir jemand bitte sagen, wie diese Zeitform heißt, die ich soeben - hoffentlich richtig - genutzt habe? Danke.)


Mein Tipp an Viel-Schlangen-Steher: Macht Euch Gedanken. Über alles Mögliche. Vielleicht nehmt ihr sogar ein Notizbuch mit und schreibt die genialsten Ideen auf. Dann geht die Wartezeit mit Sicherheit viel schneller um und die Nachwelt hat im besten Fall auch noch etwas davon.


Ich hätte Euch noch so viel zu erzählen,

aber morgen ist ja auch noch ein Tag.

Habt noch einen schönen Abend, bleibt gesund!

Eure Stephy

__________________________________________

Warum ich das mit dem Schreiben mache? Weil diese Wörter aus mir raus purzeln und es doch irgendjemanden geben muss, der sie auffängt, bevor sie auf den harten Boden der Realität knallen.

__________________________________________

Möchte zum Schluss noch kurz auf die Kommentarfunktion hinweisen, die gerne benutzt werden kann, meinerseits aber noch nicht optmiert wurde, sodass zur Zeit noch eine Anmeldung von Nöten wäre. Ist eben noch alles Neuland hier. Mein Künstlerherz würde es aber freuen. Außerdem kann, wer sich gemüßigt fühlt, meinen Künstler-Topf mit einem kleinen Obolus füllen. Gutscheine verkaufe ich allerdings nicht. Er wird regelmäßig geleert. Gerne schreibe ich Euch, zu welchem kreativen Zweck sein Inhalt genutzt wurde.


9 Ansichten
  • Facebook
  • Twitter
  • Pinterest
  • Instagram

©2020 sMarziArt