• S. Marzian

Großbaustelle mit Charme


Das Faszinierende an einem Tage langen Ausfall der Telefon- und Internetleitung ist die schnell an die Tür klopfende Entschleunigung. Oder zu Neudeutsch Media Detox. Man entgiftet seinen Körper von dem inneren Drang, immer auf dem neusten Stand von irgendwas zu sein. Irgendwas kann aber mitunter sehr unterhaltsam sein. Von diesem Standpunkt aus gesehen habe ich es vermisst, in Wort und Bild erheitert zu werden. Es stellte sich aber heraus, dass die Mitmenschen auch erheiternd sein können. Ja, man soll es nicht meinen. Sie werden ihrerseits ungewohnt kommunikativ. Sie wollen, dass man mit ihnen Zeit verbringt. Nun gut, denke ich, das kann ich ja mal machen.

Und, was soll ich sagen? Schön war´s. Vierundzwanzig Stunden nicht erreichbar zu sein und niemanden erreichen zu können, ich kann es jedem nur empfehlen. Länger ist natürlich auch immer möglich. Einfach den Stecker ziehen, das Handy bei der Schwiegermutter parken (bei der eigenen würden Dackelblick und Wimpergeklimper viel zu schnell helfen, dass sie es wieder rausrückt.) und schon kann es losgehen mit der Entschleunigungskur.

Schade nur, dass sich die eigens gezüchtete innere Unruhe schnell wieder ins Leben einwebt. Man kennt das ja. Davon ließen wir uns aber nicht beeindrucken, kühlten uns erstmal im Pool ab, warfen das vorbereitete Essen später einfach auf den Grill statt in die Pfanne und ließen den Abend auf der Terrasse bei Kerzenschein unter einer bunten Glashaube ausklingen.


Die ersten Ausläufer einer Großbaustelle vor der Haustür zu haben, bringt interessante Erlebnisse mit sich. Beim ersten Ausfall (Strom und Telefon) klagt uns der Bauarbeiter sein Leid. Seine Kollegen haben aus Gründen wie Rücken oder Zigarettenschachtel leer keine Lust bei der Arbeit zu erscheinen. Er baggere ganz alleine Tag für Tag so vor sich hin. Da er ja an der Baggerschaufel keine Augen hat, hatte er - HUCH - die Leitung angeritzt, die uns den Kühlschrank langsam erwärmte. Es war ja keiner da, um ins Loch zu gucken und zu rufen: Jetzt mach die scheiß Maschine aus! Das Kabel is hin!

Ja, es herrscht ein rauer Umgangston unter Bauarbeitern. Zumindest unter denen, die gerade unsere Straße umpflügen. Sie schreien sich gegenseitig an. Was man durch die geschlossene Balkontür vernimmt. Ist man so vogelwild und öffnet die Luftschleuse zur Terrasse, kann man bruchstückhaft sogar verstehen, was gebrüllt wird. Aus Gründen möchte ich hier lieber kein Gespräch wiedergeben. Nur so viel kann ich dazu sagen: Man kann nicht unterscheiden, ob die Männer sich anpflaumen oder herumalbern. Da beides in vielfacher Zimmerlautstärke passiert, bleiben Tonfall, Rhetorik und anderweitige sprachliche Finessen gepflegt auf der Strecke. Beziehungsweise in diesem Fall auf der aufgerissenen Straße.

Als nun die Panik in den Augen des Sohnes den zweiten Internetausfall ankündigten, suchten wir wieder das Gespräch mit einem Bauarbeiter. Die Kleiderwahl fand ich sehr interessant. Der Mann auf dem Bau trägt scheinbar heutzutage (und bei den Temperaturen) lieber T-Shirt, kurze Hose und Cap, statt Schutzhelm, Bauhose, Weste und nichts darunter. Arbeitsschutztechnik zwar mangelhaft bis ungenügend, für mein Empfinden aber sehr charmant. Interessanterweise war man in der Lage in normaler Lautstärke mit uns zu reden. Und was da geredet wurde. Das leblos und in Fetzen hängende Kabel in der Baugrube läge nicht aus Mangel an Ins-Loch-Guckern tot herum, sondern weil die Telekomleitung im Bauplan nicht eingezeichnet worden war. Vor vielen vielen Jahren. Märchenhaft. Wir durften sogar einen Blick auf den Plan werfen, auf dem viel Gewirr von Strichen herrschte. Den magenta farbenen Strich der Telekom sahen wir allerdings auch nicht.

Schulterzucken bei allen.

Wir gingen nach Hause.

Die Bauarbeiter schreien sich nun wieder an.

Und vielleicht kommen ganz bald Telefon-Techniker der Bauabteilung vorbei, um die Leitung zu flicken. Das kann uns die Kundenhotline allerdings nicht sagen, weil es ja die Bauabteilung ist und nicht die Technikabteilung. Und für die Bauabteilung gibt es keine Support-Hotline. Wo kämen wir denn dahin?

Um wieder vernetzt zu sein, haben wir unser schickes Notfall-Internetkistchen aktiviert. Es funktioniert in etwa wie ein Handy-Hotspot mit WLAN und ermöglicht den Kontakt zur Außenwelt.


Update: Vor etwa einer Stunde klingelte ein Mitarbeiter der Telekom. Zwei Köpfe größer als ich, rundum breit gebaut und mit grüner Maske im Gesicht. Nicht älter als Mitte zwanzig. Woher ich das weiß? Seine erste Frage war: Geht bei Ihnen Internet wieder? Die fixen da grade die Leitung!


Ah ja.


Ich hätte Euch noch so viel zu erzählen,

aber morgen ist ja auch noch ein Tag.

Habt noch einen schönen Fast-Wochende Tag und bleibt gesund!

Eure Stephy

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Warum ich das mit dem Schreiben mache? Weil diese Wörter aus mir raus purzeln und es doch irgendjemanden geben muss, der sie auffängt, bevor sie auf den harten Boden der Realität knallen.

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Möchte zum Schluss noch kurz auf die Kommentarfunktion hinweisen, die gerne benutzt werden kann. Mein Künstlerherz würde sich über Anregungen und Lob sehr freuen. Außerdem kann, wer sich gemüßigt fühlt, meinen Künstler-Topf mit einem kleinen Obolus füllen. Er wird regelmäßig geleert. Gerne schreibe ich Euch, zu welchem kreativen Zweck sein Inhalt genutzt wurde.

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