• S. Marzian

Sonntagsgedanken


Hier ist kein Sitzplatz.

Diesen Hinweis würde man etwa auf einem kleinen Metallschild an einer Skulptur erwarten. Einem Tier vielleicht. Man kennt das ja. Das Kunstwerk könnte mit derartigen Plaketten von oben bis unten pflastert sein - Eltern setzen ihre zeternden Sprößlinge trotzdem darauf. Dann werden auch noch Beweisfotos geschossen. Das Kind hampelt und klettert ja so schön auf dem Tierchen herum. Allerdings findet man in unserer kleinen Stadt keine Skulpturen. Also auch keine Schildchen, auf denen Hier ist kein Sitzplatz zu lesen wäre.

Man würde diesen Satz aber auf keinen Fall dort erwarten, wo ich ihn heute entdeckt habe. Bei einem Spaziergang irritiert mich ein kleines selbstgebasteltes Schildchen. Am Fensterrahmen eines Reihenhauses, das am Ende einer Sackgasse liegt, klebt ein breites Stück Kreppband. Darauf kann man eben diesen Hinweis in krakeliger Filzstiftschrift entziffern.

Ich bin sogar so irritiert, dass ich stehen bleiben und über das Gelesene nachdenken muss. Mein erster Gedanke: 80er Jahre. Irgendeine Kinderparty. Man spielt die Reise nach Jerusalem und ist immer peinlich berührt, wenn die Musik ausgeht, man keinen freien Platz mehr ergattert und dann auch noch von den anderen Kindern angebrüllt wird: HIER KANNST DU NICHT MEHR SITZEN!!!

Wieder zurück in der Gegenwart, spüre ich direkt die negativen Schwingungen, die um die vier Worte wabern. Hier ist kein Sitzplatz. Jemand ist über etwas sehr wütend. Sogar so wütend, dass er eine Nachricht an alle potentiellen Missetäter verfasst hat.

Bei genauerer Betrachtung kann ich sogar nachvollziehen, warum der Hausbesitzer zu solch drastischen Maßnahmen griff: Im Haus seinem gegenüber befindet sich eine Arztpraxis. Die Patienten stehen sich auf der Straße davor regelmäßig die Beine in den Bauch, da der Arzt brav die Corona-nichtsovielePatientenimWartezimmer-Vorschriften einhält. Allerdings gibt es jenseits der Eingangstür keinerlei Möglichkeit, sich während längerer Wartezeit sitzend auszuruhen. Und da kommt der Fenstersims des Nachbarn ins Spiel. Ihr ahnt es schon: Perfekte Sitzhöhe, optimale Lage, um den Eingang der Praxis im Blick zu haben und die drei Fenster sind je eineinhalb Meter auseinander. Da bleibt es nicht aus, dass Menschen mit körperlicher Angeschlagenheit oder altersbedingter Schwächlichkeit so eine Gelegenheit gerne wahr nehmen. Den Arzt scheint es nicht zu interessieren, was sich vor der Tür seiner Praxis für Dramen abspielen.

Als ich so da stehe, und auf das bekritzelte Kreppband starre, dass sich an der rechten unteren Ecke droht abzulösen, kommt ein älterer Mann um die Hausecke. Er hat schütteres graues Haar, einen Fußball großen Bierbauch unter Hemd und Pullunder und trägt eine kurze Stoffhose. Seine Füße stecken in Tennissocken, die wiederum in Badeschlappen stecken. Er hat einen Besen in der Hand und funkelt mich aus kleinen Kieselsteinaugen böse an. Im Bruchteil einer Sekunde wird mir mit einem Mal bewusst, was er gerade denkt: Schon wieder so eine unverschämte Ziege! Wehe, sie denkt darüber nach, sich auf meine Fensterbank zu setzen! Jott verdammich! Kein Respekt vor dem Besitz anderer! Der werde ich jetzt aber mal gehörig den Marsch blasen!

Doch bevor er die Gelegenheit hat, mir zu zeigen, dass er mit seinem Haushaltsgerät den Jedi machen kann, drehe ich mich um und gehe.

Sicher die beste Entscheidung des Tages gewesen.


Ich hätte Euch noch so viel zu erzählen,

aber morgen ist ja auch noch ein Tag.

Habt noch einen sonnigen Sonntag und bleibt gesund!

Eure Stephy

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Warum ich das mit dem Schreiben mache? Weil diese Wörter aus mir raus purzeln und es doch irgendjemanden geben muss, der sie auffängt, bevor sie auf den harten Boden der Realität knallen.

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